Abflug Düsseldorf am Nachmittag des 3. Januars nach Moskau und von dort Weiterflug nach Omsk. Wir (eine kleine Gruppe bestehend aus fünf Deutschen und zwei Österreichern, die sich in Moskau trafen) erreichten Omsk um 5:30 morgens und dort traf uns die sibirische Kälte wie ein Hammerschlag. Minus 35 Grad, der Flieger hielt auf dem Rollfeld 200 m vor dem kleinen Omsker Flughafengebäude, welches wir nur schemenhaft erkannten. Wir wurden von Wladi, unserem russischen Mann für alles, abgeholt und ins Hotel gebracht. Dort ging es erst mal ins Bett. Später kamen noch vier Leute zu unserer kleinen Gruppe, die schon seit Silvester in Russland waren.

 

Am Tag vor dem Lauf bekamen wir unsere Unterlagen direkt vom Chef des Organisationskomitees feierlich überreicht. Dieses war eine absolute Besonderheit, handelte es sich doch um den Chef des für den gesamten Sport in der Millionenstadt Omsk und Umgebung zuständigen Büros. Selbst für irgendwelche olympischen Dinge war dieser Mann zuständig. Es waren nur 25 Ausländer gemeldet, davon 6 aus Kasachstan. Wir waren so etwas wie Exoten und wurden entsprechend behandelt.

Freitag, der Tag des Laufes. Wie immer begann der Tag um 10 Uhr mit gemeinsamem Frühstück. Um 11:45 war der Abmarsch zur Umkleide geplant, das waren 15 Minuten Fußweg und dort konnten unsere Sachen bleiben. Um 12:45 Uhr wollten wir gemeinsam zum Start und dort noch ein Gruppenfoto machen. Während des Weges merkten wir, es ist offensichtlich nicht, wie von Wladi angekündigt, ein bedeckter Himmel mit damit verbundenen steigenden Temperaturen während des Rennens zu erwarten. Der Himmel war strahlend blau und es wehte ein leichter Wind. Genau das wollten wir nicht, denn Wind bedeutet, die gefühlte Kälte ist noch tiefer als sie sowieso schon ist. Wir zogen uns in einer Boxtrainingshalle ca. 300 m vom Start entfernt um. Wir packten unsere Sachen alle zusammen und dann war es so weit. 12:40 Uhr, ab zum Start bzw. zum Fototermin.

Wir bogen um die Kurve in die Zielgerade und jetzt sahen wir, was wir vorher nur gefühlt hatten. Die Temperaturanzeige am Ziel stand auf minus 31,5 Grad. Diese wahnsinnige Temperatur bedeutete, es war der zweitkälteste Lauf aller Zeiten, die zweitkälteste Sportveranstaltung der Menschheit. Nur ein einziges Mal gab es auf der Welt eine Sportveranstaltung bei tieferen Temperaturen, beim legendären Lauf des Tom Okkers 2001. Eigentlich hatten wir -25 bis -27 erwartet, aber -31,5, das war eine andere Hausnummer, das war verdammt heftig. Wir machten das Gruppenfoto, genossen einen letzten Wodka und einige von uns wurden von den vielen Presse und Fernsehteams interviewt. Es waren nur 25 Ausländer am Start, wir waren schon etwas Besonderes und wurden entsprechend behandelt. Da ich mir von Kai die Deutschlandfahne geliehen und umgebunden hatte, wurde ich besonders oft von den Medien angesprochen und gefragt, warum ich hier bin und hier laufe. Musik und Tanz begleiteten uns die letzten Momente vor dem Start. Punkt 13 Uhr läuteten die Glocken des Doms und mit dem Verklingen des letzten Glockenschlages wurde das Rennen gestartet.

Alles rannte los, zunächst rechts herum, in den Schatten. Jetzt spürten wir den Wind, der von unten, vom Irtysch, die Straße herauf wehte. Nach ca. 1 km erreichten wir den Irtysch und der Wind wehte von rechts kommend. Das ist auch die Erklärung dafür, warum ich, wie ich später  feststellte, Erfrierungen am rechten Ohr hatte. Es ging am Ufer entlang bis zu einem Wendepunkt. Jetzt lief man den langsameren Läufern entgegen, bis es wieder rechts ab in die Innenstadt ging. Kurz vor dem Ende der Runde kamen wir an  unserem Verpflegungspunkt vorbei, an dem Wladi und seine Frau mit Tee und unserer Wechselkleidung warteten. Von hier aus waren es noch 400 m bis zum Ziel und die erste Runde war geschafft.  Nach dieser ersten Runde hörten schon einige Läufer auf und liefen nicht weiter. Ich erreichte den Zieleinlauf zum ersten Mal nach 19 Minuten. Eigentlich zu schnell für diese Kälte, für diese völlig vereiste Laufstrecke. Die zweite Runde war nach 19 Minuten beendet und nun begann das Leiden. Ich hatte versucht mit meinem Halstuch, diesem Schlauch, mein Gesicht ein wenig abzudecken, das ging aber nur bis zur Unterlippe, durch das Tuch hätte ich nicht atmen können. Dafür war das Tuch aber mittlerweile völlig vereist und steif. Speziell auf dem ersten Kilometer der Runde musste ich 3-mal meine Augen von Eis befreien, sonst wären sie zugefroren. Jetzt merkte ich auch, dass mir rechts und links an der Mütze ein Stück Eis hing, groß wie ein Hühnerei. Also musste dringend die Mütze gewechselt werden und es wurde Zeit für einen Versuch mit der Sturmmaske. Endlich kam zum dritten Mal der Verpflegungspunkt in Sicht, dort lag meine Kleidungstüte. Zwischen beiden Händen klemmte ich einen Becher mit Tee, da die Handschuhe von außen steif gefroren waren und das Anfassen mit einer Hand schlecht ging. Dann stellte sich heraus, dass meine Tüte nicht da war, keiner wusste, wo sie war. Wladi sollte sie haben, aber Wladi war nicht da. Ich bekam fast einen Anfall und rannte wütend weiter, mit vereister Mütze und ohne das Halstuch wechseln zu können. 1:01 zeigte die Uhr nach 3 vollendeten Runden. Das Feld der Teilnehmer hatte sich merklich reduziert. Runter zum Irtysch, zur Wendemarke und endlich kam der Verpflegungspunkt in Sicht. Meine Tüte war aufgetaucht und ich konnte die völlig steife und vereiste Mütze abnehmen. Das Schlauchtuch vom Hals bekam ich nur mit Gewalt ab. Heißer Tee, eine neue Mütze, ein neues Halstuch und ab. Nur noch 2 Runden, die Pause hat Zeit gekostet, 1:24 zeigte die offizielle Uhr. Aber die Zeit war völlig wurscht, hier ging es nur noch darum ohne bleibende Schäden zu überstehen.

In der 5. Runde musste ich meine Sturmmaske aus der Tasche meiner inneren Jacke kramen und über Gesicht und die neue Mütze ziehen, ich merkte, dass die Kälte in meinem Gesicht ansonsten zu Erfrierungen führt. Zwei Kilometer weiter warf ich eine völlig steife Maske weg, so ging das nicht. Ich hatte das Gefühl, mein rechter Laufschuh, aber nur der rechte, ist völlig erfroren und steif wie ein Brett. Er rollte überhaupt nicht ab. Ich lief mit einem halbwegs akzeptablem und einem bretthartem Schuh. Mein Gesicht brannte. Ich nahm die Fahne, die hinter mir her wehte und band sie mir locker ums Gesicht. So konnte ich atmen, war aber einigermaßen geschützt. Ein letzter heißer Tee bei Wladi und nach 1:49 war die fünfte Runde geschafft. Ein letztes Mal zum Fluss, ein letztes Mal am Ufer lang zur Wendemarke. Es waren nur noch wenige Läufer im Rennen. Ein letztes Mal rechts abbiegen Richtung Innenstadt, noch ca. 1000 m. Dann die letzte Linkskurve, da war das Ziel, 150 m vor mir. Die Uhr zeigte 2:09, in breitete meine Fahne aus und lief langsam ins Ziel. 2:10 war meine Zielzeit, es wurde zum ersten Mal vom Veranstalter heißer Tee gereicht. Ich war im Ziel des zweitkältesten Laufes in der Geschichte der Menschheit, ich hatte überlebt. Mir war schon seit einiger Zeit klar, dass hier war kein Spaß mehr, das war richtig gefährlich. Natürlich war jeder freiwillig am Start, aber hier war eine Grenze überschritten worden und die Gesundheit der Aktiven war ernsthaft in Gefahr. Das ist auch der Grund, warum z.B. Wintersportveranstaltungen ab -20 Grad grundsätzlich abgesagt werden. Es gibt keine offiziellen Zahlen. Inoffiziell hörte man nur, 800 Starter waren gemeldet, 600 angetreten und ca. 150 haben die 21 km vollendet. Übrigens, alle aus unserer kleinen neunköpfigen Gruppe, bestehend aus acht deutschen und einem österreichischem Läufer erreichten das Ziel nach 21,1 km.

Es ging in die Sporthalle zum Umziehen. Dort stellte ich fest, dass ich keine Wechselhandschuhe mithatte und in meiner grenzenlosen Intelligenz hatte ich meine Halbschuhe als Wechselschuhe eingepackt. Das bedeutete, 2 km zum Hotel ohne Handschuhe, in Halbschühchen bei minus 32 Grad und völlig vereisten Gehwegen. Natürlich fiel ich auf dem Rückweg richtig aufs Kreuz, ich konnte mich ja nicht abstützen, da meine Hände tief in den Taschen waren und ich spürte meine Füße kaum noch, als wir endlich das Hotel erreichten.

Eine halbe Stunde später sollte es weitergehen, zur Einladung des Omsker Eisbadevereines an unsere Laufgruppe. Es war eine Einladung in eine extra für uns angeheizte russische Sauna und anschließendem Eisbaden im Irtysch. Ich wollte nicht, war aber pünktlich 30 Minuten später lustlos mit meiner Tasche abfahrbereit in der Hotelhalle.  Mit dem Taxi fuhren wir zum Irtysch, zur Sauna. Ich hatte vorher (wie auch alle anderen) für mich ausgeschlossen im Irtysch zu baden, immerhin hatten wir jetzt minus 33 Grad.

Wir wurden sehr freundlich von den Mitgliedern des Eisbadevereines empfangen und in das Ritual des russischen Saunabades eingeweiht. Mit einem alten Filzhut als Schutz gegen die Hitze auf dem Kopf ging es in die 100 Grad heiße Sauna. Dort gab es sehr schnell einen Aufguss nach dem anderen und dann wurden wir mit einem Birkenzweig regelrecht verprügelt. Wie selbstverständlich ging es nach draußen, 100 m weit einen Steg entlang und dann standen wir vor dem Eisloch. Ins Wasser waren es, nachdem wir Handschuhe angezogen hatten, nur noch 4 Stufen auf der eisernen Leiter. Die Handschuhe brauchten wir, um nicht an der Leiter festzufrieren. Ein Kollege ging mit Badeschuhen ins Wasser (damit er mit den Füßen nicht an der Leiter anfriert), versuchte sich als er wieder raus war etwas abzutrocknen und fror dabei mit den Badelatschen am Boden fest. Nur mit Gewalt konnten diese gelöst werden. Das Baden bzw. 3x Eintauchen war einfacher als gedacht, nur der Rückweg zum Saunagebäude unendlich lang. Diese Prozedur habe ich insgesamt 3-mal mitgemacht. Das Leben ist manches Mal unendlich verrückt.



Ich bin seit Sonntagnachmittag zurück. Ich habe mich fürchterlich erkältet, aber zum Glück nur erkältet, denn viel Schlimmere Dinge waren möglich. Die Erfrierung meines rechten Ohrläppchens, die ich erst im Hotel feststellte, ist zurückgegangen. Die Erfrierungen in meinem Gesicht, die ich auch erst später, nach dem Lauf bemerkte, gehen auch langsam weg. 
Nach einem intensivem Gespräch mit meiner Frau, indem sie mir klar machte, wie viel Angst sie um mich hatte, habe ich entschieden, derartigen Unsinn in Zukunft zu unterlassen. 

Gruß
Rainer Kauczor

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