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 Rang 22 beim (wahrscheinlich) härtesten Eintages-Lauf der Welt, dazu knapp 6000 ,- € für den ambulanten Kinderhospiz-Verein.

In 23 Std. 32 Min. über 70 km laufen, 65902 Treppenstufen bewältigen, dabei 7344 Höhenmeter zu erklimmen und sagenhafte 18500 Kalorien zu berbrennen,

das war mein Wochenende zwischen Samstag 16 Uhr und Sonntag 16 Uhr. Ich, Rainer Kauczor, Geschäftsmann (Fa. Ha-Ra Lippe-Ruhr) aus Marl, 53 Jahre,  Ultra- bzw .Extremsportler aus Klein-Reken nahm am 2./3.5. an der wohl härtesten Eintages Sportveranstaltung der Welt teil. In Radebeul bei Dresden gibt es die Spitzhaustreppe, die 88,48 m hoch ist und 397 Stufen hat. Ziel des Wettkampfes ist es 100 mal diese Treppe, also 39700 Stufen herauf und 39700 Stufen wieder herunter zu laufen(das bedeutet z.B. 69 x den Kölner Dom rauf und runter)  und damit 8848 Höhenmeter zu erklimmen, also symbolisch den Mt. Everest zu besteigen. Zusätzlich werden pro Runde noch einmal einige hundert Meter gelaufen, so dass man bei 100 Runden auf eine Gesamtstrecke von 84,4 km kommt. Diese Entfernung entspricht einem Doppelmarathon. Für diesen Wahnsinn hat man genau 24 Stunden Zeit. Seit 4 Jahren rennen Ende April/Anfang Mai 50 Extremsportler die Spitzhaustreppe ununterbrochen 24 Std. lang rauf und runter und rauf und runter. Nur wer dieses 100 x schafft wird damit belohnt, dass sein Name auf dem Gipfelkreuz verewigt wird. Ich habe für mich entschieden alles dafür zu tun dass mein Name ebenfalls auf dieses Kreuz kommt.

60 Teilnehmer waren in diesem Jahr zugelassen. Darunter ein Weltmeister im Treppenlaufen, ein mehrmaliger Weltrekordinhaber, viele Berglaufspezialisten aus der Schweiz und Österreich und weitere Spitzensportler der Ultramarathon-Szene aus mehreren Ländern, ein internationales Spitzenfeld. Die spätere Siegerin der Damen kam z.B. aus Abu Dhabi.

Das Wetter in Radebeul war an diesem Samstag hervorragend –zum Baden. Es waren ca. 25 Grad im Schatten, die Treppe lag allerdings in der prallen Sonne. Nach der Vorstellung der einzelnen Sportler war um 16 Uhr der Start. Ich habe in meinem Leben schon eine Menge Marathon- bzw. Ultramarathon Läufe (Rang 169 in der Jahreswertung Eurapacup der Ultramarathons 2008) absolviert, dieses war für mich aber etwas Neues. Ich war noch nie länger als knapp 14 Stunden !!!!! laufend unterwegs, allerdings in der Ebene mit nur leichten Hügeln. Nach 14 Stunden war ich am Ende. Hier ging es eine unendlich lange Treppe immer wieder rauf und runter, dafür aber 10 Stunden länger. „Ob eine Sache gelingt erfährst Du nicht, indem Du darüber nachdenkst sondern indem Du es ausprobierst“, stand auf einer Karte, die mir mitgegeben wurde.

Nach 2 Stunden war der Punkt erreicht, an dem ich den Entschluss mich hier anzumelden zum ersten Mal bereute. Weitere 2 Stunden später, ich war in Runde 19, hatte ich „die Schnauze gestrichen voll“. Nach 4 Stunden Treppe taten mir die Beine weh und ich hatte schon drei Laufhemden völlig durchnässt gewechselt. Bei dem Gedanken, dass diese Tortur noch 20 Std. anhalten sollte, ging meine Stimmung weiter bergab.

Nach genau 5 Stunden 1 Minute hatte ich die Runde 25, den ersten Halbmarathon geschafft. Ich habe noch nie so lang für einen Halbmarathon gebraucht. Es fehlten aber noch  75 Runden. Langsam fing ich an zu verzweifeln. Man lief und lief und kam kaum vorwärts. Meine Tochter und mein Schwiegersohn, die mich nach Radebeul begleiteten und seit 5 Stunden unentwegt anfeuerten riefen mir zu dass die ersten Läufer schon im Zelt bei den Physiotherapeuten zur Massage sind. Nach Runde 31 und 6,5 Stunden Laufzeit ging nichts mehr. Spätestens jetzt zweifelte ich an meinem Verstand. Warum tut sich ein Mensch so etwas an?

Ich verließ die Treppe und ging zur Massage. Es war wunderbar auf der Liege zu liegen, ich wollte nie wieder aufstehen. Nach 15 Minuten musste ich leider für den nächsten Mitstreiter Platz machen.

1:15 Uhr, da erwischte er mich, der Mann mit dem Hammer. Er schlug in Runde 41 nach 32500 Stufen voll zu und traf.  Nichts ging mehr. Mir tat alles weh, ich hatte das Gefühl kurz vor Krämpfen zu stehen und ging ins Zelt zur zweiten Massage. Meine Tochter Sabrina, selbst Physiotherapeutin,  massierte meine schmerzenden Beine.  15 Minuten später wurde es besser und ich ging wieder raus, die Treppe rief. Es war kalt, nur 5 Grad. Also lange Hose, langes Shirt und Jacke. Nach einer Runde war es mit Jacke zu warm, also Jacke aus. Da das Hemd schnell nass geschwitzt war, wurde es 2 Runden später wieder kalt, also kurzes Hemd und Jacke. So geht die Zeit auch rum dacht ich mir. Runde 50, die Hälfte, war nach 11 Stunden 40 Minuten erreicht. 11:40 für einen Marathon. Jetzt wusste ich, 100 Runden waren für mich heute nicht zu schaffen. Ich hätte die gleiche Strecke in der gleichen Zeit noch mal laufen müssen um durch zu kommen, unmöglich für meinen geschundenen Körper. Ich bekam die Beine kaum noch hoch. „Wenn es also sowieso nicht klappt, kannst Du auch aufhören“ sagte eine Stimme in meinem Kopf.

Aufhören nicht, aber noch eine Massage und eine Stunde Ruhe empfand ich als fairen Kompromiss. Ich legte mich auf ein Feldbett und fühlte mich wunderbar. Meinen Mitstreitern, die zum Wäsche wechseln oder essen im Zelt waren verkündete ich, ich komme gleich wieder. Nach einer Stunde kam einer der Läufer ins Zelt und sagte „der hier wollte auch wiederkommen und jetzt pennt er“. Meine kurze, knappe Antwort war, „der hier kommt genau jetzt“. Aufstehen, ein Kaffee, eine Brühe und um 5:35 Uhr stand ich wieder auf der Treppe, der geliebten, gehassten.

Jetzt wurde der Treppenmarathon zu einer ganz persönlichen Auseinandersetzung zwischen der Treppe und mir.

Noch über 10 Stunden, wollen wir mal schauen, wie viele Runden ich der Treppe noch abnehmen kann, dachte ich. Also ging es weiter, rauf und runter, rauf und runter. Wenn ich unten vor der Treppe stand, traute ich mich nicht nach oben zu sehen. 397 Stufen, ca. 27 bis 30 Stockwerke hoch, warum? Warum zum Teufel stehe ich hier?

Ich habe es so gewollt, ich bin freiwillig hier und nicht dazu verurteilt worden sagte ich mir, also klag nicht. Reinhold Messmer wurde einmal gefragt, warum er den Mt. Everest bestiegen hat. Die Antwort lautete „Weil es ihn gibt“ Ich war hier, weil es diese Veranstaltung gibt. Weil diese Veranstaltung von Verrückten wie mir mit Leben, Leid und Schmerzen gefüllt wird. Weil sich immer ein Veranstalter irgendwas ausdenkt und morgens irgendwo ein Mensch wach wird, der genau darauf gewartet hat und genau diese Herausforderung gesucht hat und annimmt. Weil ich solche Herausforderungen suche und liebe, weil ich wissen will, was alles geht und wo die Grenze ist.

 

Aber jetzt musste erst einmal meine Musik her. Scooter und Nightwish jagten mich die Treppe rauf und runter - und rauf und runter. Jetzt hatte ich sogar so etwas wie Spaß an der Sache. Ich fing laut an zu lachen als ich daran dachte das es kaum etwas blöderes gibt als 24 Stunden Treppen rauf und runter zu laufen. Meine Tochter kam um 9:15 Uhr wieder zur Strecke, Runde 64 wurde gerade beendet.  

Unterhaltungen mit den Mitläufern beschränkten sich zu diesem Zeitpunkt meist auf  die Frage “Wie weit bist Du?“  Viele meiner Konkurrenten  hatten schon aufgegeben. Aber jeder Höhenmeter zählt, schließlich bekam ich von Sponsoren Geld für jeden Höhenmeter. Geld für den ambulanten Kinderhospiz-Verein Recklinghausen. Also weiter. Wenn schon keine 100 Runden, dann zumindest 24 Stunden lang.  

Ich wusste dass ich gut im Rennen lag.  Ich wollte auch nicht mehr zulassen, dass ich von zwei Mitläufern, die noch auf der Treppe waren, überholt wurde. Als der letzte von denen aufhörte, war auch mein persönlicher Kampf zu Ende. In Runde 82 ließ ich den Moderator die Durchsage machen, dass ich in der nächsten Runde mit der Spendendose komme. Die Runde 83 war nur noch dafür da von den Zuschauern Spenden für den Hospiz-Verein zu sammeln.

Es war Sonntag 15 Uhr 32. Vor 23 Stunden und 32 Minuten war ich gestartet. 83 Runden, 7344 Höhenmeter, 65902 Stufen, 18500 verbrannte Kalorien und eine nie erwarteter Platz 22 in der Gesamtwertung waren die Bilanz. Knapp 6000,-- Euro für den ambulanten Kinderhospizverein Recklinghausen lautete das finanzielle Resultat.

Dieses war möglich durch eine tolle Unterstützung meiner Sponsoren, und ich möchte mich speziell bei den Haupt-Sponsoren, der Fa. Mercedes Lueg Recklinghausen, die Fa. DPD, Depot Marl, Herrn Thomas Schenk, bei dem Steuerberatungsbüro Paulus, Frau Gisela Paulus, dem Zahnarzt Dr. Michael Ganz, der Fa. Ha-RA Lippe-Ruhr, und der Hausverwaltung Schulte in Schermbeck bedanken. Der größte Dank gehört meiner Frau Jutta, die immer Verständnis für meine blödsinnigen Ideen aufbringt, mir zur Seite steht und geduldig (wenn auch nicht immer erfreut) darauf wartet, das ich vom Training zurück komme und die sich immer wieder Sorgen um meine Gesundheit macht. Hab keine Angst Jutta, ich weiß genau was ich tue. Ohne Euch und die vielen anderen freundlichen Unterstützer meines Projektes wäre dieses tolle Ergebnis nicht zu Stande gekommen.

 

Als ich ging, warf ich noch einen Blick auf das Gipfelkreuz am oberen Ende der Treppe. Irgendwie hatte ich das Gefühl (oder die Halluzination), es grinst mich höhnisch an weil ich es nicht geschafft habe, meinen Namen in sein Holz zu ritzen. Auch die Treppe machte wieder einen friedlichen Eindruck.

Freut Euch nicht zu früh, diese Sache ist noch nicht zu Ende. Dieses Mal wart ihr stärker. Wir sehen uns in einem Jahr wieder. Dann geht es wieder rauf und runter, oder wie Miss Sophie sagen würde „the same procedure as every year  

 

Rainer Kauczor

 

 

Ein Dank an die weiteren Sponsoren:

Fa. Betonbau Händler, Marl

Sparkasse Vest, Marl

Dachdeckermeister Ter Schmitten, Gelsenkirchen

Sanitär und Heizung Michael Schnabel, Marl

Herr Dr. F. Bellstedt

Frau J. Bellstedt

REWE Feldmann, Marl

Internetkaufhaus „Kaufdochhier“, Herr Dunkhase, Rastede

Holz Elfering, Marl